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Seit 100 Jahren Idealmenschen in
Serie
Schaufensterfiguren-Fabrik wird ein Jahrhundert
alt
Seite 1 von 1
Köln - Wenn Josef Moch, Schöpfer von
Idealmenschen, die Tür zu seiner Kellerwerkstatt öffnet, fällt der
Blick sofort auf eine Nackte mit frischen Spachtelspuren. "Da
tüfteln wir schon seit Tagen an den Brüsten herum", erläutert Mochs
Designerin Gaby Szymkowiak (28). "Aber die sitzen irgendwie noch
nicht." Bis zur Lösung dieses Problems wird die Menschwerdung nicht
abgeschlossen sein. Denn der Name Moch steht seit drei Generationen
für den perfekten Menschen: Im nächsten Jahr wird seine
Schaufensterfiguren-Fabrik am Stadtrand von Köln 100 Jahre alt. Es
ist die älteste Europas, vielleicht sogar der Welt.
Es riecht
nach Harz. Ein Modellierer hält einen Kopf zwischen den Knien und
pult hochkonzentriert mit einer Fräse in der rechten Ohrmuschel
herum. Ein Dutzend junger, hoch gewachsener Frauen schaut ihm über
die Schulter - aber der Blick geht ins Leere. Dahinter stapeln sich
Männer-, Frauen- und Kinderarme. An der Decke hängen Beine am
Fleischerhaken. Wenn jemand die Tür öffnet und es ein wenig zieht,
bewegen sie sich leicht.
"Manche unserer Auszubildenden gehen
hier abends im Dunklen gar nicht gern durch", sagt Szymkowiak. "Wenn
mal ein Arm zu weit aus einem Regal rausguckt und man davorläuft,
kann man schon einen Schreck bekommen." Auch ihr war der
Arbeitsplatz anfangs nicht ganz geheuer: "Da haben mich die Puppen
irritiert. Ich dachte: "Steht da jetzt jemand?" Und einmal stand da
dann auch wirklich jemand und bewegte sich plötzlich. Und es
irritierte mich auch, dass alle so perfekt aussehen."
Wer
hier in Serie geht, hat keinen Bauchansatz und kein Doppelkinn,
keine Hakennase und keine Falten. Kleinste Fehler reichen aus, um
den Unwillen von Doktor Moch (53) zu erregen. Ein Mann, der auf
einem Schild um den Hals die Aufschrift "sitting man" trägt, guckt
ihm zum Beispiel zu melancholisch - mit diesem Fremdmodell aus einer
anderen Werkstatt will er nicht in Verbindung gebracht
werden.
Ein Modellierer mit einem buschigen Schnäuzer
schüttelt eine Gussform für einen Kopf. "Fühlen Sie mal", sagt er
mit breitem Grinsen. Wenn man durch den offenen Hals in den Kopf
fasst, spürt man eine warme, weiche Masse. "Gleich ist das schon
ausgehärtet", verspricht der Schädelschüttler. Firmeninhaber Moch
tritt hinzu. "Da, sehen Sie, diese Köpfe da sind gerade fertig
geworden." Er zeigt auf eine Reihe edler Häupter, alle mit gerade
richtig hoher Stirn und vorstehenden Backenknochen. Dahinter an der
Wand ist das Schädelmagazin mit den Gussformen. Fein säuberlich sind
sie im Regal aufgereiht: Jeanette und Nicole, Nils und Daniel. Die
Namen stehen in schwarzer Schrift auf den
Hinterköpfen.
Wortlos lassen sich zwei leichenblasse Herren
in einem Karton verstauen. "Bitte mal zur Seite treten, die müssen
heute noch raus", sagt ein Mann im Arbeitskittel. Einer seiner
Kollegen entkleidet gerade eine Dame - tiefe Risse im Dekolleté
werden sichtbar. "Die frischen wir hier wieder auf", sagt Moch nach
einem flüchtigen Blick. Das ist wesentlich billiger, als etwa 600
Euro für eine neue Figur auszugeben. Große Kaufhäuser gehen mit
ihren Schaufensterfiguren häufig nicht zimperlich um und reißen
ihnen Arme und Beine ab. "Dagegen haben viele kleine
Boutiquenbesitzer ein fast zärtliches Verhältnis zu ihren zwei, drei
Figuren. Wenn wir die dann nach zwanzig Jahren mal wieder hierher
bekommen, sehen die fast noch wie neu aus."
Die Designerin
Joanna Urbanowicz (45) zückt die Airbrush-Pistole und sprüht einem
Alabastergesicht die Pupillen auf. Prüfender Blick - "ich muss immer
schauen, ob die nicht schielen, das ist ganz wichtig." Auf ihrer
Arbeitsplatte stehen Farbfläschchen und Sprühdosen, Pinsel und
Wattestäbchen liegen herum. Jedes Jahr bemalt sie etwa 1500
Gesichter. Ende der 90er Jahre hatte sie mal eine Flaute - damals
waren Schaufensterpuppen ohne Köpfe in Mode. "Jetzt sind sie zum
Glück wieder mit Kopf." Ob die Arbeit bei Moch ihr Leben verändert
hat? "Beim Schaufensterbummel achte ich jetzt nur noch auf die
Figuren und nicht mehr auf die Klamotten."
Obwohl es beim
Preis keinen Unterschied gibt, sind Männerköpfe schneller bemalt.
"Die müssen ja nicht schön sein", sagt Urbanowicz. Natürlich ist das
ein Scherz: Auch die Männer sind hier schön - unnatürlich schön. Da
kann es schon mal vorkommen, dass ein in die Seite gestemmter Arm
extra kurz ist, damit der Jackettärmel trotzdem bis zum Handgelenk
reicht und nicht zu weit hochrutscht.
Verkürzen ist
allerdings eher die Ausnahme - die meisten Kunstharzgeschöpfe,
Herren wie Damen, kommen auf die Streckbank, bis sie so lang und
dünn sind, dass "keine normalen Körperfunktionen mehr möglich
wären", wie eine Studie ergab. Das heißt: Als Menschen aus Fleisch
und Blut wären sie nicht lebensfähig. "Aber Schaufensterpuppen
können ja auch nicht den Bauch einziehen", meint Gaby Szymkowiak
entschuldigend. "Im übrigen machen wir das, was verlangt wird.
Andere produzieren noch viel dünnere Puppen." Moch betont: "Es ist
ein überzogenes Kunstobjekt. Und ich glaube, letztlich will niemand
so aussehen wie eine Schaufensterpuppe."
Die abwaschbaren
Leichtgewichte waren nicht immer so dünn. Anfang der 50er Jahre
schoben sie einen richtigen Bauch vor sich her und trugen zur
Echthaarperücke mit Schmalztolle stolz ein Doppelkinn und dicke
Backen zur Schau. Damals, während der "Fresswelle" zu Beginn des
Wirtschaftswunders, bestand Coolness darin, wieder was auf dem Tisch
zu haben. "Körperliche Fülligkeit war damals ein Karrieresymbol",
erklärt Moch. In jenen Tagen lächelten die Figuren auch noch - aber
das haben ihnen ihre Schöpfer dann abgewöhnt. "Das wirkt schnell
naiv."
In den Swinging Sixties nahmen die Figuren verdrehte
Posen an wie in der Disco, "sie waren bewegt", heißt es im
Fachjargon. In den 80er Jahren - dem "Denver-Zeitalter", wie Moch
sagt - verkaufte sich eine Figur umso besser, je aggressiver sie
dreinblickte. Die Frauen sahen alle ein bisschen aus wie Joan
Collins - so wie sie in den 30er Jahren an Greta Garbo erinnerten,
in den 50ern an Brigitte Bardot und in den 60ern an das Fotomodell
Twiggy. Die allerersten Puppen wurden im 17. Jahrhundert von
französischen Hofschneidern aus Weidengeflecht gebastelt und mit
Porzellangesicht an adelige Auftraggeber verschickt.
Heute
sind Schaufensterfiguren sehr vielfältig - jeder Kunde will etwas
anderes. Bei Moch kaufen auch Museen und Theater, Polizei und
Feuerwehr, das Bundeskriminalamt und sogar der Verfassungsschutz -
zu welchem Zweck, bleibt sein Geheimnis. Die Hauptabnehmer sind
natürlich Modegeschäfte. "Kleidung braucht man heute, um sich
darzustellen, um sein Image zu vermitteln", sagt Moch. "Das
Persönlichkeitsprofil muss geprägt werden, und das kann man mit
Figuren ganz toll ausdrücken. Klamottenkauf findet ja meist im
Unterbewusstsein statt."
Während Kaufhäuser meist wenig
auffällige Figuren bevorzugen, wollen Jeans-Läden für ein sehr
junges Publikum extreme, provozierende Puppen mit lässiger Haltung
und wilder Frisur. Männliche Puppen sind extrem breitschultrig,
sobald die Mode auf Teenager abzielt: "Wenn die Herren dann später
berufstätig sind und brav am Schreibtisch sitzen, schrumpfen ihre
Maße wieder zusammen", schmunzelt Moch. Die Gesichter dürfen ruhig
etwas individueller sein als früher - aber immer noch verkauft sich
nur Schönheit. Der Bildhauer, der Moch die Gesichtsvorlagen liefert,
lässt sich schon mal aus der "Bravo" inspirieren. Auch eine
langbeinige Auszubildende bei Moch stand vor einigen Jahren mehrfach
Modell.
In 100 Jahren hat sich die kleine Fabrik im Kern
wenig verändert, auch wenn die Puppen heute nicht mehr aus Gips,
Kreide und Knochenleim, sondern aus Fiberglas hergestellt werden.
Noch immer ist die Produktionsstätte Werkstatt und Lager, Büro und
Atelier in einem, gefüllt von Figurenteilen, Werkzeugen und
Maschinen. Etwa 20 Menschen arbeiten hier.
"Keiner verdient
sich 'ne goldene Nase", sagt Moch. "Aber immerhin gibt es uns noch."
Die anderen zwölf Familienbetriebe, die in den 60er Jahren in
Deutschland existierten, haben schon lange geschlossen. Heute
dominieren ausländische Firmen mit Massenproduktion den Markt. Auch
Moch lässt die Körper seiner Figuren seit dreißig Jahren in Asien
herstellen, doch die charakteristischen Kopfmodelle werden weiterhin
nur am Heimatsitz gefertigt. "Unsere Figuren", sagt er nicht ohne
Stolz, "sind ein Spiegel ihrer Epoche."
Von Christoph
Driessen, dpa 19.11.2006 -
aktualisiert: 18.11.2006, 14:03 Uhr
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