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Die Schaufensterpuppe wird 100 
Es gibt sie mit Kopf, ohne Kopf,
stehend, sitzend, liegend, nur als Torso, abstrakt ohne Gesicht oder zum
verwechseln lebensecht: Schaufenster-Figuren. Sie dienen stumm als
Kleiderständer in der Auslage von Herrenausstattern, Boutiquen und
Kaufhäusern. 300 bis 600 Euro kostet eine und obwohl sie allgegenwärtig
sind, verschwinden sie meistens hinter dem, was sie zeigen sollen, der
Mode. Vor genau 100 Jahren richtete der Kölner Dekorateur Franz Moch eine
kleine Werkstatt ein und fertigte und reparierte Puppen aus Wachs. Heute
ist der Familienbetrieb die älteste Schaufenster-Puppen-Manufaktur
Europas. Die Figuren sind ein Spiegel ihrer Epoche und ihres jeweiligen
Schönheitsideals. 3.000 Schaufensterfiguren verlassen jährlich das Gelände
in Köln-Rodenkirchen, viele davon Spezialanfertigungen für
Designer-Geschäfte.
Modellierung der Köpfe
Besonderen Wert legt die Firma auf die Modellierung
der Köpfe. In der Lackiererei bekommen sie ihre Haut aufgesprüht und
anschließend ihr Make-Up, entsprechend dem gerade aktuellen Modetrend.
Möglichst lebendig sollen sie aussehen, sagt Joanna Urbanovicz, obwohl den
Gesichtern jeder natürliche Makel, und noch der kleinste Schönheitsfehler
weg retouchiert wird. Die Industriedesignerin arbeitet seit 17 Jahren
hier. "Köpfe, die ganz naturalistisch modelliert sind, sind zwar schön,
aber unter den speziellen Lichtverhältnissen im Schaufenster sieht es oft
nicht gut aus, wenn ein Gesicht eine zu dicke Nasen oder zu große Augen
hat."
Korb- und Drahtgestelle machten den Anfang
Perfekte und doch lebensechte Köpfe
sind die Spezialität bei Moch. Zu Beginn hatten Schaufensterpuppen
überhaupt keine Köpfe. Es waren einfache Korb- und Drahtgestelle, bessere
Kleiderständer. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen sie auf, in Paris
und Berlin, als die ersten Kaufhäuser die Kundschaft mit großen
Schaufenstern lockten. Für die Auslage brauchte es repräsentative Figuren,
erklärt Firmenchef Josef Moch. "Textilien mussten gezeigt werden, sie
mussten verkauft werden. Sie wurden nicht mehr beim Schneider bestellt und
auch nicht mehr auf Jahrmärkten verkauft, sondern erstmals in
Textilgeschäften und Kaufhäusern."
Stars als Vorbilder
Franz Moch, der Großvater des heutigen
Inhabers, beginnt 1907 in Köln mit der Produktion und Reparatur von
Figuren aus Wachs, Papier und Kleister. Vorbild sind bald schon die großen
Stars der Varietés und der aufkommenden Filme, wie Greta Garbo. Mit
verklärtem Blick sollen die Figuren ein wenig abgehoben wirken von der
Welt - auf jeden Fall aber elegant. Der Krieg bereitet den Menschen andere
Sorgen als ausgerechnet Schaufensterpuppen. Doch schon kurz danach kommt
das Bedürfnis auf, sich wieder anständig zu kleiden, auch wenn die Häuser
noch in Trümmern liegen. Und so eröffnet der Familienbetrieb Moch 1948
wieder - und expandiert. In den 50-er Jahren orientieren sich die
Puppenhersteller weniger an einheimischen Vorbildern, sondern eher an
Hollywood-Diven wie Sophia Loren. Wespentaille und Puppengesicht - das
amerikanische Ideal wird auch hier um Vorbild.
Die fetten Jahre
Doch dann kommen die fetten Jahre des
Wirtschaftswunders, und das ist wörtlich gemeint. Das Wort Kalorien hat
noch nichts Negatives. "Korpulent sein war damals ein Statussymbol", sagt
Josef Moch. In den Geschäftsräumen finden sich noch Schaufenster-Figuren
der 60-er Jahre, sie sind rund und mollig, haben feiste Gesichter mit
Doppelkinn. "Damals konnte man sämtliche Konfektionsmaße in den Figuren
wiederfinden, heute sind die Figuren vereinheitlicht, weil wir ein
einheitliches Schönheitsideal haben. Das ist vom Fitnessstudio geprägt.
Das gab es damals nicht und deswegen genierte sich auch niemand,
Damengrößen 42 oder sogar 46 zu zeigen - das war üblich."
Modefiguren im Wandel der Zeit
Nur wenige Jahre später schlägt das Pendel ins
genaue Gegenteil um. Jetzt gibt Twiggy den Ton an. Dürr wie sie ist, so
werden auch die Schaufenster-Figuren dürr und schlacksig, und mit riesigen
Augen, erinnert sich Firmenchef Moch. "Das schlug in den 70-er Jahren
extrem aus, wurde dann aber wieder zurückgepfiffen in den 80-er Jahren. Da
war Coolness angesagt, die Gesichter waren etwas stumpf, sehr uniform,
etwas desinteressiert." In den 80-er Jahren durften die
Schaufenster-Figuren vor allem eins nicht mehr: Lächeln. Die Models
lächelten schließlich auch nicht. Nicht in den 80-ern, nicht in den
90-ern, und auch heute geben sich Models und Puppen gleichermaßen
unterkühlt. Dafür reagiert der Rest der Welt bisweilen hysterisch. Ganz
London flippte aus, als Kate Moss sich vor einigen Wochen als lebende
Schaufensterpuppe präsentierte - für ganze 15 Sekunden.
Abdrücke von lebenden Modells
Doch selbst Supermodels wie Kate Moss
sind für eine Schaufensterpuppe nicht perfekt genug. Vorlagen für die
Körper der Schaufensterpuppen sind Abdrücke von lebenden Modells. Aber
kein Modell ist so schlank und athletisch, als dass ihre Plastikkopie
nicht noch der Verfeinerung bedürfte. Diktat der Modeindustrie, sagt
Bildhauer Naill Buggy und zuckt mit den Schultern. "Ich persönlich finde
überhaupt nicht, dass sie eine ideale Figur haben. Die meisten Models
heute sehen aus wie Hühnerknochen, magersüchtig. Die haben nichts zu tun
mit den normalen Menschen, denen man auf der Straße begegnet, aber das ist
die Modewelt!"
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